Briefmarken, Buschwerk und Bürgerverein

Ortstermin, 14 Uhr. Eine milchige Sonne hinter dünnen Wolkenschleiern. Dezember von seiner gemäßigten Seite. Vor dem Volkshaus in Rotthausen hat sich eine kleine Gruppe versammelt, die winterlichen Jacken leicht offen. Georg Gerecht, Vorsitzender des Bürgervereins Rotthausen, komplimentiert seine Mitakteure auf die Plattform vor dem Eingangsportal des stattlichen, expressionistischen Gebäudes. Abstand einhalten, Maske abnehmen – man soll sehen, wer dahintersteckt. Stolz halten die fünf vergrößerte Versionen einer Postkarte und einer Briefmarke in die Kameras der anwesenden Pressevertreter.


Auf den Tag genau vor hundert Jahren wurde das Volkshaus eingeweiht. Eigentlich war ein großes Fest geplant. Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung. Die Postkarte im Design der Ruhrgebietswimmelbücher des Künstlers Jesse Krauß und die Fotobriefmarke sollen zumindest eine kleine Entschädigung sein. Die Festlichkeiten will man nachholen.
Unter den Abgelichteten ist Karlheinz Rabas, Leiter des im Volkshaus untergebrachten Stadteilarchivs und seit über vierzig Jahren aktiv in der Erinnerungskultur des Viertels. Er freut sich über jeden, der seine Version der wechselvollen Geschichte des einstigen Prestigebaus hören will, der schon Mehrzweckhalle und Bürgerhaus, SS-Führerschule und Wohnheim für Berglehrlinge war. Nach der Sanierung 1989 sollte er zu seiner ursprünglichen Bestimmung als öffentliche Begegnungs- und Betätigungsstätte zurückgeführt werden. Doch glaubt man Rabas, lief seitdem vieles schief bei Verwaltung, Finanzierung und Nutzung.

Eine Wiederbelebung im Rahmen von Neighboring Satellites? Möglicherweise schwierig angesichts Planung der Stadt.
Kein Versprechen also, aber vielleicht eine Option für die Zukunft.

Zuletzt gab es 2016 einen aufwendig inszenierten Testbetrieb mit Konzerten, Theater, Lesungen, Ausstellungen – ohne konkretes Ergebnis für die Zukunft. Seitdem ist das Volkshaus weitgehend ungenutzt. Ein Männergesangsverein probt einmal die Woche, freitags wird Tischtennis gespielt. Größere kulturelle Veranstaltungen finden nicht statt und auch Anfragen zur Anmietung werden abgelehnt – aus Brandschutzgründen. Doch die Stadt will investieren, eine neue Machbarkeitsstudie auf den Weg bringen, bis Mitte des Jahrzehnts sechzehn Millionen in die Komplettsanierung stecken. Rabas und Gerecht betrachten das mit gemischten Gefühlen. Schon viel sei in den letzten Jahrzehnten angegangen und versprochen, wenig aber umgesetzt oder erfüllt worden. Eine Wiederbelebung im Rahmen von Neighboring Satellites? Möglicherweise schwierig angesichts der längerfristigen Planung der Stadt, ist das Projekt doch nur auf zwei Jahre angelegt. Kein Versprechen also, aber vielleicht eine Option für die Zukunft. Saal und Gebäude haben auf jeden Fall Potenzial und Charme.

Georg Gerecht führt am nördlichen Flügel des Volkshauses vorbei. Seit Geburt nennt er Rotthausen sein Zuhause, seit fast vierzig Jahren setzt er sich auf unterschiedliche Weise für die Belange des Stadtteils und seiner Bürger ein.
Es geht in Richtung Dahlbuschpark, eines weiteren möglichen Spielorts. Mit dabei Christoph Lammert, Projektleiter der Satellites, und Annika Schwartz vom Generationennetz Gelsenkirchen. Die studierte Gerontologin ist neu im Job und möchte den Stadtteil besser kennenlernen. „Der Dahlbuschpark wurde bereits für Veranstaltungen genutzt, aber es fehlt an Infrastruktur“, erzählt Gerecht. Die Maske am Kinn deutet er auf die entlang der Steeler Straße von Nord nach Süd angelegte Grünfläche, deren Rechteck jetzt winterlich trostlos wirkt. Doch unschwer vorzustellen, wie es im Frühjahr oder Sommer hier belebt aussehen könnte.

Annika Schwartz vom Generationennetz Gelsenkirchen und Georg Gerecht

Halblinks von unserer Position, hinter lichtem Buschwerk, ragt der imposante Sakralbau der ehemaligen katholischen Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt in den grauen Gelsenkirchener Himmel, in einer Sichtachse mit dem Volkshaus und der ehemaligen Hindenburgschule, der heutigen Außenstelle der Hauptschule Dahlbusch. Seit 2007 steht sie außer Dienst, mit jeder Menge Potenzial zu auch kultureller Nutzung, aber wie beim Volkshaus hapere es am Geld – vielleicht aber auch am politischen Willen, so Gerecht.

St. Mariä Himmelfahrt – so imposant wie unbenutzt

Anders die evangelische Kirche der Emmaus-Gemeinde, die wir passieren, nachdem wir die befahrene Steeler Straße überquert haben. Neben dem üblichen Gottesdienstprogramm beherbergt sie unter dem Titel „Rotthausen meets the world“ schon lange kulturelle Veranstaltungen unterschiedlicher Art. Pfarrerin Kirsten Sowa kennt sich aus mit Kultur, weshalb Georg Gerecht uns zu ihr führt. Seit zehn Jahren engagiert sich die Mittfünfzigerin auch im Interkulturellen Stammtisch, der jährlich Menschen unterschiedlicher Herkunft zu einem Fest zusammenbringt.

Auch die Pfarrerin ist ein Ruhrgebietsgewächs, fühlt sich hier zu Hause. Aber warum bei ihr vorstellig werden, wenn es um Wiederbelebung gehe? Die Emmaus-Gemeinde sei doch belebt.

Wir stehen im großen Saal des evangelischen Gemeindezentrums. Welch ein Kontrast. Von außen unscheinbar, birgt der große Raum kaum weniger Platz als das Volkshaus, ist jedoch modern, unterteilbar, mit neuester Technik ausgestattet. Auf der Bühne ein Greenscreen für die aktuellen Adventskalendervideos der Emmaus-Jugend. Und: Im Gegensatz zu Volks- und Kolpinghaus ist das Gebäude barrierefrei.
Auch die Pfarrerin ist ein Ruhrgebietsgewächs, fühlt sich hier zu Hause. Aber warum bei ihr vorstellig werden, wenn es um Wiederbelebung gehe? Die Emmaus-Gemeinde sei doch belebt. Wie auch Georg Gerecht begegnet sie dem Ansinnen der Neighboring Satellites mit anfänglicher Zurückhaltung. Lammert erklärt: Der Gedanke dahinter sei, aus den im Nachbarviertel entstandenen Synergien Impulse zu ziehen, den Gemeinschaftsgedanken auszubauen, Netzwerke zu knüpfen. Nicht jeder müsse das Rad neu erfinden, und schon gar nicht alleine agieren. Aber es brauche eben auch bestehende Strukturen, um Ideen und Projekte zu erarbeiten, vorzustellen – zum Beispiel bei den geplanten Dialog- und Begegnungsveranstaltungen.

Am Ende wollen Lammert und Sowa in Kontakt bleiben, verabschieden sich dezent optimistisch. Gut auf jeden Fall, sich kennengelernt zu haben, voneinander zu wissen. Auch Gerecht und Schwartz sagen auf Wiedersehen. Es klingt, als gingen sie davon aus. Und so endet die Begegnung nach einer guten Stunde, die den von außen Kommenden Rotthausen ein weiteres Stück nähergebracht hat. „Der Bürgerverein verfügt übrigens über ein zwölf mal sechs Meter großes Zelt“, schickt Georg Gerecht noch hinterher. Bei aller Skepsis scheint der gelernte Bauingenieur in 65 Jahren Ruhrpottsozialisation eins gelernt zu haben: Pragmatismus kann nie schaden.

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