Kunst ist Heimat

Sie steht an der Staffelei, malt mit einem breiten Pinsel einen blassgelben Strich auf die Leinwand. Darauf zu erkennen die Umrisse einer Frau, schemenhaft, noch unklar, verwaschen. Im Hintergrund Fluchtpunktlinien, vielleicht eines Fensters, eines undefinierten, dahinterliegenden Raumes. Die Bleistiftskizze, die die Grundlage des Motivs bildet, schimmert durch die pastellfarbenen Töne. Work in progress. Die Künstlerin hebt den Kopf, blickt sinnierend durch die große Fensterfront nach draußen. Kinder spielen auf dem ansonsten menschenleeren Platz. Sie lächelt.


„Meistens spielen die Kinder ruhiger, aber wenn sie Fußball spielen, schlägt der Ball schon mal gegen das Fenster“, erzählt Ahang Nakhaei, Malerin iranischer Herkunft und für knapp vier Wochen Artist in Residence des Projekts Neighboring Satellites im ehemaligen Küchenstudio am Rotthauser Ernst-Käsemann-Platz. „Aber ich habe mich daran gewöhnt. Es ist auch schön, es ist Leben draußen.“
Sie lächelt wieder. Überhaupt ist die 47-Jährige sehr aufgeschlossen, als sie uns in ihr „Atelier auf Zeit“ bittet, bereitwillig Auskunft gibt über sich und ihre Kunst. Zwar hadert sie gelegentlich mit den Fallstricken deutscher Grammatik, doch das scheint sie mehr selbst zu stören, als dass es die Kommunikation erschwert. 2012 kam sie nach Deutschland, blieb im Anschluss an eine Ausstellung. Es gefällt ihr hier, sie fühlt sich wohl im Ruhrgebiet, wo sie Wurzeln geschlagen hat. Seit einem guten halben Jahr in Gelsenkirchen. Nicht in Rotthausen, aber im nördlich daran angrenzenden Stadtteil Feldmark.

… ausgebreitet auf dem Tisch ein buntes Durcheinander aus Farbtuben, Pinseln, Mischbechern, Bleistiften …

Vom Projekt Neighboring Satellites erfuhr Ahang Nakhaei zufällig, ein Bekannter wies sie darauf hin. Einer der Hauptgründe, sich zu bewerben, war für sie gewesen, dass sie derzeit über kein eigenes Atelier verfügt. Und schätzt die Möglichkeit nun, hier intensiver als bisher ihrer Kunst nachgehen zu können. Sie kommt fast jeden Tag, meist um die Mittagszeit und bleibt bis in die Abendstunden.

Vor Nakhaei ausgebreitet auf dem Tisch ein buntes Durcheinander aus Farbtuben, Pinseln, Mischbechern, Bleistiften, Spitzern, Flaschen mit Pinselreiniger – Standardarbeitsmittel einer bildenden Künstlerin. Sie arbeite lieber mit Öl als mit Acryl, weil bei Öl die Farben nicht so schnell trocknen, erzählte sie Simon Schomäcker im Interview für den Neighboring-Satellites-Podcast. Das gilt auch für die im Rahmen des Projekts entstandenen neuen Gemälde. Vier Bilder aus ihrer Zeit im Küchenstudio stehen im Raum verteilt, am fünften arbeitet sie gerade. Eines der anderen vier sei ebenfalls noch nicht fertig, und ausgerechnet für dieses Bild habe sie eine Kaufanfrage erhalten.

Die neuen Arbeiten sind farbenfroh, kräftig, ziehen den Blick auf sich. Zu sehen Menschen in entspannten Alltagssituationen – ein Schwesternpaar in innigem Beisammensein auf einem Sofa, ein Mann und eine Frau in einer französisch anmutenden Szene vor urbanem Hintergrund, drei junge Frauen in sommerlicher Kleidung und Partystimmung. Die ganze Situation mit Corona habe sie bedrückt, weshalb sie viel Farbe und Lebendigkeit in den Werken haben wollte. „Ich male Menschen, die ich zufällig auf der Straße treffe. Und was mich an Deutschland immer wieder fasziniert, ist, wie hier verschiedene Kulturen zusammenleben – das gibt es nicht überall.“ Und schlägt damit den Bogen zum Projekt und dessen übergeordnetem Anliegen, Orte der Begegnung zu schaffen, Heimat neu zu erkunden, generationen-, geschlechts- und kulturübergreifend. „Heimat ist für mich, dass man mit Menschen ins Gespräch kommt. Ein Ort, an dem man sich wirklich wohlfühlt. Ich suche nach diesem Ort, und die Kunst hilft mir dabei. Die Kunst selbst ist für mich eine große Heimat.“
Das mit dem Ins-Gespräch-Kommen klappt im Küchenstudio aktuell nur bedingt. Passanten und die Kinder zeigen durchaus Interesse, sind neugierig, fragen nach ihrer Arbeit. Aber die Kontaktmöglichkeiten sind beschränkt. Um sich tatsächlich alles von Nahem anschauen zu können, muss man über die Website einen Termin buchen. Das hat bisher niemand gemacht. Dennoch bleiben Ahang Nakhaei und das Projekt nicht unbemerkt, zeigt Neighboring Satellites durch die durchgehende zweimonatige Anwesenheit Präsenz im Stadtteil. Wer den Platz überquert oder an Markttagen besucht, kommt quasi automatisch damit in Berührung …

Randnotiz: Heimatort Küche
Das wird auch den Mai über so bleiben, wenn das Satellites-Projekt mit gänzlich anders gearteten Aktionen Aufmerksamkeit auf seine „Homebase 1“ in Rotthausen ziehen will. Passend zur beherbergenden Ladenfläche soll nun der Raum der Küche selbst als Begegnungsort in den Fokus rücken. Dazu halten als Leihgabe des Kulturraumes „die flora“ originale Exponate einer Ausstellung zum Gelsenkirchener Barock aus dem Jahr 1991 Einzug in die Räumlichkeiten. Die wuchtig-markanten Möbel verkörpern wie wenige andere den Wohnstil im Nachkriegsdeutschland nicht zuletzt auch im Ruhrgebiet und bilden die Kulisse für diverse Formate, die sowohl online als auch direkt vor Ort umgesetzt werden.
So empfängt der für seinen Kurzfilm Rotthausen 1945 bekannte Filmemacher Urs Kessler in der Reihe „Platten-Teller“ mittwochs einen Gast zum Gespräch über dessen Lieblingsschallplatte, die damit verbundene persönliche Geschichte und die jeweilige musikalische Sozialisation. Und wird das Ganze bei Einverständnis filmisch festhalten, damit es anschließend einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden kann. Das Thema Film spielt auch beim Format „Streifen frei!“ eine Rolle. Im „Küchenkino“ am Käsemann-Platz haben zu verschiedenen Terminen Menschen die Möglichkeit, sich kostenlos den Ende März am Ort produzierten Konzertfilm Mein Großvater Taugenichts mit Musik des Rotthauser Komponisten Michael Em Walter zu einer Erzählung von André Wülfing anzuschauen.
Mit „Freitach gibbet Fisch“ greift Neighboring Satellites eine kulinarische Tradition auf, an die sich insbesondere katholisch sozialisierte Menschen erinnern dürften. Eingeladen wird zum Butterbrot mit Fisch, dabei über Lieblingsgerichte gesprochen und darüber, was Heimat und Essen miteinander verbindet. Die Küche steht schließlich auch bei „Rotthausen kocht!“ im Mittelpunkt, wenn Anwohnerinnen und Anwohner sich sozusagen in die eigenen Töpfe schauen lassen können. Per E-Mail oder Onlineformular haben Interessierte die Möglichkeit, ihre Vorlieben und Rezepte mit den Projektmachern zu teilen und so Teil eines aus den Einsendungen zusammengestellten Kochbuchs zu werden.
Die Hoffnung bei alldem nicht zuletzt, dass das Beispiel des Küchenstudios Schule machen und das Potenzial Rotthausens sichtbar wird – Anregungen für weitere Leerstände und mögliche Begegnungsorte im Stadtteil, die in der kommenden Zeit mit neuem Leben gefüllt werden können, herzlich willkommen.

Was mir an Kunst gefällt, ist, dass man frei ist, es keine Grenzen gibt, ich einfach meinem Gefühl folgen kann

Draußen vor dem Atelier haben die Kinder aufgehört zu spielen, sind herangekommen, drücken ihre Nasen an die Scheibe, schirmen die Augen mit den Händen ab für einen besseren Blick ins Innere. Ahang Nakhaei lächelt wieder und kehrt an ihre Staffelei zurück, setzt den nächsten Pinselstrich. Die Leinwand hat sie mit der Rückseite zum Fenster aufgestellt – nicht jedes Motiv ist für jeden Betrachter geeignet. Bei Bedarf ändert sie die Position aber auch, der Raum ist groß genug. „Was mir an Kunst gefällt, ist, dass man frei ist, es keine Grenzen gibt, ich einfach meinem Gefühl folgen kann“, sagt sie. Und dass sie sicher ist, dass sie die begonnene Serie nach ihrem Intermezzo im Küchenstudio fortsetzen wird. Die Inspiration wirkt nach – und weiter.

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