Begegnung mit dem Nebenan – Teil 2

Christoph Lammert und Admir Bulic nehmen auf dem Podium Platz. Der Projektleiter bedankt sich für die Leihgabe der Bühnenmöbel beim Ückendorfer Vintagekaufhaus Toms Corner als „Beispiel für gelingende Impulsgebung im Sinne des Projekts“ und übergibt das Wort an den Vertreter der AWO. Als Ansprechpartner für die Bürger aus dem Quartier, wollen sie eine Brückenfunktion für die Menschen erfüllen, sagt Bulic. Und greift die Eckpunkte auf, die auch die Neighboring Satellites charakterisieren: Aktive, die es bereits gibt, zusammenbringen, das Miteinander, die Solidarität fördern, aber auch über den Tellerrand schauen ganz nach dem übergeordneten Motto: „Nebenan beginnt die Welt.“


In seinem Auftreten lässt er die Erfahrung erkennen, die er als häufiger Sprecher seiner Organisation im Rampenlicht gesammelt hat. „Die Möglichkeiten, die die Arbeiterwohlfahrt dem Projekt als Netzwerkpartner eröffnet, liegen vor allem darin, dass wir bei den Menschen unterwegs sind. Wir können sie informieren, einladen, Fragen beantworten“, erläutert Bulic weiter und bekräftigt, dass es wichtig sei, nach den Potenzialen Ausschau zu halten, wenn die Leute mit Problemen zu ihnen kämen. Im Rahmen des Projekts natürlich vor allem den künstlerischen Potenzialen.

Wo der im Ruhrgebiet aufgewachsene Sohn einer Gastarbeiterfamilie aus Ex-Jugoslawien sich selbst als Teil eines Teams sieht, das nur im Kollektiv funktioniere, und sein persönliches Verständnis des Begriffs „Heimat“ hinter das Empfinden der Menschen im Quartier zurückstellt, bezieht sich die zweite Gesprächspartnerin des Abends konkret auf bestimmte Projekte zur Veranschaulichung ihrer Arbeit. Antje Grajetzky ist zuständig für Kulturförderung und die freie Szene im Kulturreferat der Stadt Gelsenkirchen und etwa an der Durchführung des Lichtkunstfestivals „Goldstücke“ in Gelsenkirchen-Buer beteiligt. Berät Antragswillige, die an Fördergelder für Projekte kommen wollen. Als gebürtige Bochumerin kann auch sie auf eine Ruhrpottsozialisation zurückblicken und weiß die Impulse „aus dem Nebenan“ zu schätzen. „Ich finde es toll, wenn man die Menschen vor Ort einlädt, selbst aktiv zu werden. Das Miteinander zu verändern, ist ein ästhetischer Prozess, der sich nicht in einem einzelnen Event erschöpft, sondern einen gemeinsamen Erlebnisraum schafft.“

Die drei Musiker um Sänger Georgios Harontzas haben nicht unbedingt Bergbauvergangenheit, aber Einwanderergeschichte.

Zweite künstlerische Intervention. Orfeas. Welch ein programmatischer Name für ein Trio in einer ehemaligen Bergbauregion. Abgeleitet von Orpheus, dem berühmten Dichter und Sänger der griechischen Mythologie, der in die Unterwelt hinabstieg, um seine große Liebe zu retten. Und vielleicht fühlte es sich in gewisser Weise ähnlich an für die Kumpel aus Griechenland, Italien, Polen, der Türkei oder woher immer, wenn sie und ihre deutschen Kollegen in die Gruben stiegen, um unter Inkaufnahme von Risiken und Gefahren den Lebensunterhalt für sich und ihre Liebsten zu sichern. Die drei Musiker um Sänger Georgios Harontzas haben nicht unbedingt Bergbauvergangenheit, aber Einwanderergeschichte. Sie spielen die Musik moderner Komponisten wie Mikis Theodorakis oder Dionysis Savvopoulos, vor allem aber auch Traditionelles und Rembetiko, den griechischen Blues. Entsprechend schwermütig sind viele der Lieder und strahlen doch eine Lebendigkeit aus, in der ein Lebensmut deutlich wird, der auch für ihre Vorgängergenerationen überlebensnotwendig gewesen sein dürfte. Aber auch ein Stolz, der davor bewahrt, der Situation die Oberhand zu gewähren. Die Sehnsucht nach der zurückgelassenen Heimat wird konserviert und im Bedarfsfall und richtigen Augenblick hervorgeholt. Das spricht auch in Rotthausen an. Als fühlten die Anwesenden eine Seelenverwandtschaft, die erst spürbar wird in den Schallwellen der Musik und in bloßen Worten keinen Ausdruck findet. Kein Wunder, dass es den Musikern leichtfällt, das Publikum zum Mitmachen zu animieren. Der Saal wird für kurze Zeit zur Taverne.

Orfeas verwandeln den Saal „in ein wenig Taverne“

Stimmungswechsel. Aus begeistertem Mitgehen wird aufmerksames Zuhören. Schauspieler und Theaterpädagoge Thorsten Brunow präsentiert seinen eigens für den Abend erarbeiteten Text. Auch er ein Gewächs aus dem Pott, mit weltläufiger Erfahrung. Mit seiner Lebensgefährtin Alma Gildenast führt er das Theater Gildenast im Kreativquartier Ückendorf, wo sie vor allem für Kinder und Einwanderer arbeiten. Irgendwo zwischen Sprechtheater und Kabarett preist der schlaksige Mittfünfziger in pointiert-ironischer Manier den fortgesetzten Mut des Projekts zur Nachbarschaftlichkeit in Zeiten sozialer Distanz. Thematisiert die eigene „Migrationsgeschichte“ und fragt sich, ob nicht die meisten dort, wo sie leben, gar nicht geboren, sondern bloß hängengeblieben sind. So wie er in Gelsenkirchen. Gleichzeitig kritisiert er den Ausschlag des gesellschaftlichen Pendels nach rechts wie er sich derzeit im Rückgriff auf einfache, längst vergessen geglaubte Antworten manifestiert. Sein Beitrag fordert heraus, ästhetisch wie intellektuell. Kein Zurücklehnen, kein Ausruhen im vermeintlich Erreichten. Wachsam, aktiv und kreativ bleiben. Und ganz wichtig: den Humor nicht verlieren. Auch für ihn gibt es großen Beifall.

„Sind nicht die meisten dort, wo sie leben, gar nicht geboren, sondern bloß hängengeblieben?“ Thorsten Brunow hinterfragte die Beziehungen im Nebenan.

„Bitte weiter so, mit viel Musik und vielen jungen Leuten“, lautet die Rückmeldung auf einer der abgegebenen Feedbackpostkarten

Es war Admir Bulic, der als Erster am Abend den Begriff der „Ruhrpottschnauze“ ins Spiel brachte, das Bild des offenherzigen, authentischen Menschen, der sagt, was er denkt. Diesen greift nun die erst einundzwanzigjährige Singer/Songwriterin Kristin-Sophie, lokales Eigengewächs aus Gelsenkirchen-Buer, in ihrem Talk mit Christoph Lammert wieder auf. Spricht neben den einzigartigen Industrielandschaften und der bunten Gesellschaft vom „ehrlich-direkten Miteinander“ auf die Frage, was an ihrer Heimatstadt sie lebenswert und charmant findet, was an Hiesigem sie in ihrer Musik inspiriert. Obwohl sie dem mit ihrem unscheinbaren Äußeren und eher zurückhaltenden Auftreten auf den ersten Blick selbst gar nicht zu entsprechen scheint. Das verschwindet, wenn sie zur Gitarre greift und mit erstaunlich reifer Stimme ihre selbst verfassten Lieder singt – stilistisch gar nicht so weit entfernt von den akustikfolkigen Klängen amerikanischer Couleur Rüdiger Jagsteits. Moderner vielleicht, doch ähnlich nachdenklich. Und wie der Kollege packt sie ihr Lebensgefühl in eine fremde Sprache.

„Der Ruhrpott ist eben international“, wird Hiltrud Lammert-Hense sagen, als wir spätabends zu dritt bei Fieges Hellem und Pott’s Landbier aus der Trinkhalle um die Ecke darüber philosophieren, wie es kommt, dass Jung wie Alt gerne auf das Englische zurückgreifen, um sich und ihre Gefühle auszudrücken. Sicher haben der Reiz des Weltläufigen und das Ausmaß an englischsprachiger Popmusik, dem man ausgesetzt ist, etwas damit zu tun. In einem multikulturellen Umfeld kann es aber auch als Brücke dienen, zum gegenseitigen Verständnis beitragen – im doppelten Sinne.

Der Saal hat sich geleert, die letzten Gäste tropfen aus dem Gebäude in einen feucht-milden Abend. Noch schnell ein Abschlussfoto mit allen beteiligten Künstlern und dem Projektleiter auf der Bühne. Davor wird aufgeräumt. Zurückgelassene Flyer und leere Wasserflaschen sind eingesammelt, Stühle zusammengestellt. Das Team kommt noch einmal zusammen, wirkt gelöst, die Anspannung ist gewichen. Alles hat geklappt. Und die Resonanz war gut. Alle sind sich einig, dass der Auftakt ein Erfolg war, die gemeinsame Anstrengung sich gelohnt hat. Die, die da waren, zeigten sich interessiert für den Blick über den Tellerrand, bereit zum deklarierten „Aufbruch ins Nebenan“.
„Bitte weiter so, mit viel Musik und vielen jungen Leuten“, lautet die Rückmeldung auf einer der abgegebenen Feedbackpostkarten. Jemand anderes schreibt, dass eine Stärkung von Orten des Miteinanders und der Begegnung für Menschen verschiedener sozialer Hintergründe zu begrüßen wäre. Wieder andere wären bereit, sich mit eigenen Werken künstlerisch am Projekt zu beteiligen.

Bestätigung. Doch es wartet weiter Arbeit. „In der Tat gibt es in Rotthausen sehr viele Aktive, aber leider auch viel Gegeneinander. Vielleicht kann das Projekt helfen, Barrieren abzubauen.“ Der Schreiber dieser Zeilen möchte weiter in Kontakt bleiben. Genau dies ist eines der angestrebten Ziele. Vier Dialogveranstaltungen sollen bis Juni 2021 stattfinden, Erkundungsrundgänge gemacht werden. Zum Lokalisieren geeigneter Örtlichkeiten, vom leeren Kiosk oder Ladengeschäft über das Freigelände hinter dem Sportplatz bis zum Privatraum. Zum Austausch mit Akteuren vor Ort, wie es weitergehen kann und soll. Darüber, welche künstlerischen Interventionen denkbar sind – Ausstellungen, Lesungen, Konzerte … Was Corona zulassen wird.
Die Lampen am Retroleuchter erlöschen. Die Tür fällt ins Schloss. Christoph Lammert schließt ab. Es war ein langer Tag für ihn und sein Team, aber ein guter. Morgen geht es weiter. Und übermorgen. Denn nebenan beginnt die Welt.

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