Aufbruch ins Nebenan

Wir kennen nicht die geheimnisvollen Winkel in Rotthausen, die zu zukünftigen Orten von Bedeutung werden, wir kennen längst nicht alle Menschen, die etwas bewegen können und wollen. Und nicht jeder kennt uns, die wir „mit künstlerischen Impulsen und Ambitionen“ aus Ückendorf herüberkommen. Eine erste Gelegenheit, das Gegenseitige zu erkunden, das Erkunden zu praktizieren, gab es am 28. Oktober 2020 im Kolpinghaus Rotthausen

Text: Astrid Becker I Fotos: T. Kampman


Auftaktveranstaltung
und Auftrag ans Nebenan

Aufbruch. Nur ein Wort. Viele Möglichkeiten. Ein Projekt.


Auf-Bruch. Da ist das Hinauf, das Hinaus enthalten, ein Bruch der Oberfläche, Neues durchzulassen. Da ist Kraft drin, drängt ein frisch gesprossener Keim ans Tageslicht. Aus fruchtbarem Saatgut entstanden, zeigt sich Wachstum und Zukunft schon enthalten im Bauplan. Überraschung auf unbestelltem Grund. Neuland für den Aufbrechenden wie Zuschauenden.

Schöpferkraft.

Aufbruch traditionell: Weggang von Altem, hin zu und hinein ins Andere, Neue.

Der Titel Neighboring Satellites – Aufbruch ins Nebenan scheint vor diesem Hintergrund fast schon wie ein Paradoxon – für das Nebenan aufzubrechen, mutet wie ein übertriebener Kraftakt an, wie eine übermäßige Bewegung ins Bekannt-Belanglose. Das Nebenan ist doch nur einen Katzensprung, einen kleinen Schritt entfernt. Wozu da ein ganzer aufwändig zu organisierender Aufbruch? Und dieser gar noch innerhalb dieses Nebenans, als sei dies den dortigen Bewohnern nicht schon hinreichend bekannt.

Wir treten diese zweijährige Reise trotzdem an. Denn wir kennen nicht die geheimnisvollen Winkel in Rotthausen, die zu zukünftigen Orten von Bedeutung werden, wir kennen längst nicht alle Menschen, die etwas bewegen können und wollen. Und nicht jeder kennt uns, die wir aus Ückendorf herüberkommen. Eine erste Gelegenheit, das Gegenseitige zu erkunden, das Erkunden zu praktizieren, gab es am 28. Oktober 2020 im Kolpinghaus Rotthausen.

Unsere Gäste Kristin Sophie, Jagsteit & friends sowie die griechischen Musiker von Orfeas bestachen mit musikalischen Interventionen aus naher und ferner Nähe. Der Schauspieler Thorsten Brunow sprach übers besondere Nahsein in diesen Zeiten. Tom’s Corner trug mit seiner Sitzeckenmöblierung zum Ambiente bei und bot im großen Saal unter beeindruckendem Deckenleuchter eine lauschige Plausch-Ecke für Talkrunden: Mit Admir Bulic von der Arbeiterwohlfahrt, Antje Grajetzky vom Referat Kultur der Stadt Gelsenkirchen sowie Kristin Sophie, der Musikerin aus Gelsenkirchen.

Erster Gast auf dem Podium wurde Admir Bulic, Abteilungsleiter für Integration, Zuwanderung, Geflüchtete und Erwachsenenbildung der AWO. Diese wolle sich vor Ort insbesondere als Vermittlerin ein- sowie Menschen zusammenbringen und Ideen und Impulse wechselseitig weitergeben. Das AWO-Quartiersbüro auf der Karl-Meyer-Straße werde sie dabei als einen Ort anbieten, an dem nach Potentialen geschaut und Möglichkeiten geboten würden: Von Räumlichkeiten bis Manpower. Heimat über den inneren Tellerrand hinausgedacht: Heimat als Ort, Gefühl, Familien- und Freundschaftsbande, vereint in Offenheit für das Neue und Rotthausen als einem Stadtteil, in dem der Mensch sich schnell zuhause fühle.

Antje Grajetzky, Bochumerin und seit März 2020 neu beim Referat Kultur der Stadt Gelsenkirchen, zuständig für Kulturförderung, Gelsenkirchens Freie Szene und diverse Veranstaltungsformate, sprach über ihre Tätigkeit, bei der sie als Ansprechpartnerin für Projektanträge fungiere, aber auch die Durchführung der Bueraner Goldstücke und des Formats „Open Spaces“ im stadtbauraum verantwortete. Prägende Auswirkung von Kulturarbeit im Nebenan bedeute für sie, dass etwas, dass sie einbringe, gewollt sei. Stadtteilübergreifende Projekte zeigten Wirkung für die, die von außen kämen, aber ebenso bei denjenigen, die von innen auf ihren Stadtteil schauten und eine Gelegenheit bekämen, ihre nächste Nachbarschaft neu zu entdecken. Das Referat Kultur der Stadt Gelsenkirchen, dem Andrea Lamest vorsteht, ist Kooperationspartner der Neighboring Satellites und fördert das Projekt mit Mitteln aus dem Stadtetat, da es aufsuchend, aktivierend und den städtischen Leitlinien genau entspräche. Ein ästhetischer Prozess in neuem Erfahrungsraum.

Überleitend zu ihrem Auftritt als Singer-Songwriterin trat Kristin Sophie zum Gespräch als letzter Gast in der Talkrunde an und beschrieb Gelsenkirchen als eine Stadt, die gleichzeitig nicht zu groß und nicht zu klein sei, so dass man sich als Mensch auch nicht zu groß und nicht zu klein fühle. Es sei die Abwechslung in Stadtbild und Möglichkeiten, die sie animierten, etwas zu unternehmen und zu verwirklichen. Die Menschen seien ehrlich, direkt und echt, die Gesellschaft bunt und tolerant, man könne sich ausleben. Und auch wenn es schwer sei, in der momentanen Zeit ein Projekt zu starten, wäre es in jedem Fall eine tolle Möglichkeit, sich mit der eigenen Nachbarschaft bekannt zu machen, diese neu für sich und andere zu entdecken und zu beleben.

In diesem Sinne: Aufbruch!

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